HEALTH CENTER: Alzheimer

Univ. Prof. Dr. Peter Dal-Bianco
Alzheimer-Demenz: Risikofaktoren
Demenzerkrankungen betreffen überwiegend Menschen jenseits des 60. Lebensjahres. In Anbetracht der zunehmenden Lebenserwartung stellen diese Erkrankungen für die nächsten Jahrzehnte eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung dar - insbesondere in medizinischer und pflegerischer Hinsicht. Die Alzheimer-Demenz (AD) ist mit 60 bis 70 Prozent der Erkrankungsfälle die häufigste Demenzursache.
Welche Risikofaktoren für Alzheimer lassen sich beeinflussen?
Folgende typische Risikofaktoren für die Atherosklerose (Gefäßverkalkung) begünstigen auch die Alzheimer-Demenz:
- Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus)
- Tabakrauchen
- Bluthochdruck (Hypertonie)
- erhöhte Blutfette (Hyperlipidämie)
Auch andere Faktoren wie die vermehrte Produktion des Hormons Insulin (Hyperinsulinämie) oder das erhöhte Vorkommen des Eiweißbausteins Homocystein (Hyperhomocysteinämie) stehen in Zusammenhang mit einem erhöhten Alzheimer-Risiko. Allerdings ist dieser nicht so stark ausgeprägt wie bei den vier obgenannten Faktoren.
Die Verminderung dieser Risikofaktoren - sei es durch Vorbeugung, Lebensstiländerung oder medikamentöse Behandlung - wirkt sich nicht nur günstig auf die Gefäße aus, sondern spielt auch in der Alzheimer-Prävention eine wichtige Rolle.
Eine Reihe groß angelegter Studien (1) zeigte, dass die langfristige Senkung von erhöhtem Blutdruck auf Normalwerte positive Effekte auf die Denkleistung hat. Bluthochdruck und Diabetes mellitus sind unter den gefäßschädigenden Faktoren jene, deren Einfluss auf die Entstehung von Alzheimer am besten belegt ist: Erhöhte Blutdruck- und Blutzuckerwerte heben - vor allem wenn sie bereits im mittleren Lebensalter vorhanden sind - das Alzheimer-Risiko im höheren Lebensalter auf das etwa Zwei- bis Dreifache.
Eine frühzeitige Behandlung dieser Faktoren senkt also nicht nur das Risiko für die Gefäßverkalkung - und somit für Schlaganfälle und Herzinfarkte - sondern auch für die Alzheimer-Demenz.
Welche Risikofaktoren lassen sich nicht beeinflussen?
- Lebensalter: Mit zunehmendem Alter steigt auch die Zahl der Alzheimer-Erkrankungen. Nach dem 60. Lebensjahr kommt es im Fünf-Jahres-Abstand ungefähr zu einer Verdoppelung der Demenzhäufigkeit.
- Geschlecht: Frauen erkranken etwa doppelt so häufig an Morbus Alzheimer wie Männer
- Genetische Faktoren (ApoE-ε4-Allel)
Alzheimer tritt in manchen Familien gehäuft auf (spät ausbrechende AD-Form, siehe unten). Bisher wurde nur ein Gen beschrieben, welches in einer bestimmten Variante (Allel) die Wahrscheinlichkeit für die Alzheimer-Demenz erhöht: das Gen für das sogenannte Apolipoprotein E am Chromosom 19. Apolipoprotein E (kurz: ApoE) ist ein Eiweißkörperchen, das am Transport, der Ablagerung und der Verstoffwechslung von Cholesterin beteiligt ist. Das Gen für ApoE liegt in drei Varianten (Allelen) vor: ε2, ε3 und ε4.
Da in den Körperzellen des Menschen die Erbkörperchen (Chromosomen) in doppelter Ausführung vorkommen, bekommt er zwei Allele vererbt. Das eine Allel stammt vom Vater, das andere von der Mutter. Sind die Allele auf beiden Chromosomen gleich, dann ist die Körperzelle hinsichtlich dieses Merkmals reinerbig (homozygot). Sind die Allele auf den beiden Chromosomen verschieden, dann ist die Körperzelle hinsichtlich dieses Merkmals mischerbig (heterozygot).
Am weitesten verbreitet ist das ε3-Allel: In der einheimischen Bevölkerung tragen ungefähr 95 Prozent wenigstens ein ε3-Allel, 27 Prozent ein ε4-Allel und 16 Prozent ein ε2-Allel. 65 Prozent der Menschen, die nachweislich unter Morbus Alzheimer leiden, tragen wenigstens ein ε4-Allel und 12-15 Prozent der Betroffenen sind homozygot für ε4. Unter nicht an Alzheimer erkrankten Kontrollpersonen sind im Vergleich dazu zwischen ein und drei Prozent ε4 homozygot. Die ε4-Allele erhöhen also das Risiko, in einem bestimmten Alter an Morbus Alzheimer zu erkranken. Auf welche Weise ApoE zur Entstehung von Morbus Alzheimer beiträgt, ist zurzeit Gegenstand intensiver Forschungen. Vermutet wird, dass das ApoE-ε4-Genprodukt an der Bildung von für Alzheimer typischen Ablagerungen im Gehirn (z.B. senile Plaques) beteiligt ist.
Im Gegensatz zu den Genen der früh ausbrechenden Form (siehe unten), führt das Vorhandensein eines ApoE-ε4-Allels nicht zwangsläufig zur Erkrankung, sondern ist insbesondere bei Menschen, die für ApoE-ε4 homozygot sind, Risikofaktor und Treiber der Alzheimer-Demenz. Welche ApoE-Allele ein Mensch geerbt hat, liefert in erster Linie einen Hinweis darauf, ob eine Neigung (Prädisposition) für die Erkrankung vorliegt. Das Risiko, an Alzheimer zu erkranken, liegt ab dem 65. Lebensjahr im Durchschnitt bei 15 Prozent. Dieses Risiko erhöht sich bei Trägern eines ε4-Allels auf 30 Prozent. Im Vergleich dazu beträgt es bei Menschen ohne ε4-Allel neun Prozent.
Zusammenfassend lässt sich also sagen: ApoE-ε4 ist ein begünstigender Faktor (Treiber) der Alzheimer-Krankheit, aber weder ausreichend noch notwendig für die Entstehung dieser Demenz-Form.
Wie häufig wird Alzheimer vererbt?
Direkt vererbbare Formen der Krankheit sind selten. Weniger als zwei Prozent aller Alzheimer-Demenzen werden dominant vererbt. Von dominanter Vererbung spricht man, wenn statistisch gesehen die Hälfte der Nachkommen eines Betroffenen ebenfalls erkrankt. Bei Personen, die an der dominant vererbten Form des Morbus Alzheimer leiden, wurden bestimmte Veränderungen (Mutationen) an den Chromosomen entdeckt - und zwar auf Chromosom 1 (Presenilin 2), Chromosom 14 (Presenilin 1) und Chromosom 21 (APP). Patienten mit den angeführten Mutationen zeigen meist schon vor dem 60. Lebensjahr Gedächtnisstörungen (früh ausbrechende AD-Form).
Genetische Faktoren sind dafür verantwortlich zu machen, dass Morbus Alzheimer in manchen Familien gehäuft auftritt (spät ausbrechende AD-Form). So finden sich bei etwa 30 Prozent der Alzheimer-Patienten weitere Betroffene in der nächsten Verwandtschaft.
Verwandte ersten Grades - also Eltern, Kinder oder Geschwister von Alzheimer-Patienten - haben im Vergleich zur Normalbevölkerung ein zwei- bis vierfach erhöhtes Risiko, im Laufe des Lebens an der nicht direkt vererbten Form der Demenz zu erkranken.
Verwandte zweiten Grades - also Tanten, Onkeln, Nichten und Neffen - haben ein ein- bis zweifach erhöhtes Alzheimer-Risiko. Sind mehrere Verwandte erkrankt oder bricht die Erkrankung bei einem Verwandten vor dem 60. Lebensjahr aus, erhöht sich das Alzheimer-Risiko weiter.
| Autor: Univ. Prof. Dr. Peter Dal-Bianco, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie |
Quellen:
(1) Syst-Eur, HOPE und PROGRESS
(2) Houlston RS et al.1989 Hum Genet 83: 364

