HEALTH CENTER: Alzheimer
Therapie der
Alzheimer-Demenz
Die Symptome des Morbus Alzheimer - namentlich das Schwinden der geistigen Leistungsfähigkeit insbesondere im Bereich Gedächtnis und Erinnerungsvermögen - sind Folge des Absterbens von Nervenzellen im Gehirn. Diesen Prozess zu verhindern oder bereits entstandene Schäden ungeschehen zu machen, ist leider auch der modernen Medizin nicht möglich. Das bedeutet, eine ursächliche Therapie dieser bei weitem häufigsten Demenz-Form steht bislang nicht zur Verfügung.
Nichtsdestotrotz hat die Forschung in den letzten Jahrzehnten viele kleinere Durchbrüche geschafft. Mussten Ärztinnen und Ärzte früher mehr oder minder tatenlos zusehen, wie Patienten geistig immer weiter abbauten, gibt es heute Medikamente, die das Fortschreiten der Erkrankung zumindest verzögern können. Auch Maßnahmen wie Krankengymnastik, Ergotherapie oder Gedächtnistraining beeinflussen den Krankheitsverlauf positiv und tragen so entscheidend zum Erreichen des Ziels jeder Alzheimer-Therapie bei: die Selbstständigkeit und die Lebensqualität der Betroffenen so lange wie möglich und auf hohem Niveau zu erhalten. Je früher mit der Behandlung begonnen wird, desto besser stehen die Chancen, dieses Ziel zu erreichen.
Wie setzt sich eine Alzheimer-Behandlung zusammen?
Eine optimale Therapie des Morbus Alzheimer besteht immer aus mehreren Säulen: Einerseits aus Medikamenten, die dem Nachlassen der kognitiven Fähigkeiten entgegenwirken, den sogenannten Antidementiva. Andererseits aus nicht-medikamentösen Maßnahmen, die - individuell auf die jeweiligen Bedürfnisse abgestimmt - dazu beitragen, das Befinden und die Lebenssituation der Betroffenen zu verbessern. Hinzu kommen von Fall zu Fall Medikamente, die Begleitsymptome der Erkrankung wie depressive Verstimmung, Unruhe, Schlafstörungen oder gesteigerte Aggressivität lindern.
Die Therapie des Morbus Alzheimer erfordert eine enge Zusammenarbeit aller Beteiligten und bedarf einiger Erfahrung seitens des medizinischen Personals. Dieser Umstand sowie die stetig wachsende Zahl an Betroffenen haben dazu geführt, dass es heute an vielen Krankenhäusern spezialisierte Behandlungszentren und Ambulanzen für Demenzerkrankungen gibt. An diesen Einrichtungen werden Alzheimer-Patienten optimal betreut und erhalten auch regelmäßige Nachuntersuchungen, die wesentlicher Bestandteil der Therapie sind - dienen sie doch dazu, den Verlauf der Krankheit zu beurteilen und die Behandlungsmaßnahmen entsprechend anzupassen.
Welche Medikamente kommen zum Einsatz und wie wirken sie?
Das langsam fortschreitende Absterben von Nervenzellen in bestimmten Bereichen des Gehirns lässt sich gegenwärtig nicht verhindern. Die heute verfügbaren Antidementiva wirken deshalb auch nicht ursächlich, sondern setzen an den Folge- und Begleiterscheinungen des Nervenzelluntergangs an. Aktuell kommen zwei Substanzgruppen bzw. Substanzen mit unterschiedlichen Wirkmechanismen in der antidementiven Therapie von Alzheimer-Patienten zum Einsatz: die Gruppe der Cholinesterase-Hemmer und der NMDA-Antagonist Memantin.
Cholinesterase-Inhibitoren
Der Botenstoff Acetylcholin spielt bei der Signalübertragung zwischen Nervenzellen generell eine tragende Rolle und ist auch bei der Verarbeitung von neuen Informationen sowie bei der Gedächtnisbildung von besonderer Bedeutung. So steht fest, dass das Nachlassen der kognitiven Leistungen und des Erinnerungsvermögens bei Alzheimer-Patienten mit der krankheitsbedingten Verminderung dieses Neurotransmitters zusammenhängt. Hier setzen die Cholinesterase-Hemmer an: Sie blockieren das Enzym Acetylcholinesterase, das im Hirnstoffwechsel Acetylcholin abbaut. Dadurch steigt die bei Alzheimer erniedrigte Konzentration des so wichtigen Botenstoffs wieder an.
Mithilfe von Cholinesterase-Hemmern versucht man, das Fortschreiten der Erkrankung aufzuhalten, und wissenschaftliche Studien bestätigen, dass dies in vielen Fällen gelingt. So gibt es Belege, dass sich bei Alzheimer-Kranken, die diese Substanzen einnehmen, die Hirnleistung steigert und die Alltagsfähigkeiten verbessern. Allerdings gilt das nicht für alle Betroffenen. So gibt es auch Patienten, die aus ungeklärten Gründen nur wenig oder gar nicht auf das Medikament ansprechen. Dann lohnt sich ein Versuch mit einem anderen Präparat aus dieser Medikamentengruppe. Derzeit sind drei verschiedene Cholinesterase-Hemmer zugelassen.
Bislang wurden diese Antidementiva fast ausschließlich im frühen und mittleren Stadium des Morbus Alzheimer angewendet, weil ihr Nutzen bei weiter fortgeschrittener Erkrankung angezweifelt wurde. Neuere Studien legen allerdings nahe, dass Cholinesterase-Hemmer auch im späteren Krankheitsverlauf noch wirksam sein können. Deshalb plädieren mittlerweile viele Experten dafür, den Anwendungsbereich dieser Präparate entsprechend auszuweiten.
Als Nebenwirkungen können Cholinesterase-Hemmer Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, aber auch neuropsychiatrische Symptome wie Schlafstörungen verursachen. Um dies zu verhindern, beginnt man die Therapie mit einer relativ kleinen Dosis, die in mehreren Schritten gesteigert wird. Lange Zeit waren diese Präparate nur in Tablettenform erhältlich, mittlerweile kann ein Cholinesterase-Inhibitor (Rivastigmin) aber auch über die Haut verabreicht werden. Der größte Vorteil dieser transdermalen Anwendung mittels Pflaster besteht darin, dass der Wirkstoff kontinuierlich über die Haut ins Blut der Patienten freigesetzt wird. Dadurch wird die Wahrscheinlichkeit unerwünschter Nebenwirkungen reduziert.
Memantin
Die Substanz Memantin beeinflusst ein anderes Molekül im Gehirn, das Glutamat. Werden im Zuge einer Alzheimer-Erkrankung Nervenzellen geschädigt, wird dieser erregende Neurotransmitter in übermäßiger Menge freigesetzt. Das stört einerseits die Kommunikation zwischen den Neuronen, andererseits werden weitere Schäden an den Zellen verursacht. Memantin unterbindet diese schädlichen Glutamat-Wirkungen.
Das Medikament kommt vor allem im mittleren und fortgeschrittenen Stadium zum Einsatz. Wie Studien zeigen, verbessern sich unter der Therapie die Alltagsfähigkeiten von Alzheimer-Patienten und auch der geistige Abbau verlangsamt sich. Um mögliche Nebenwirkungen wie Schwindel oder Unruhe zu vermeiden, wird die Dosis wie bei den Cholinesterase-Hemmern langsam gesteigert. Eine Kombinationstherapie (Memantin plus Cholinesterase-Hemmer) kann bei jenen Patienten sinnvoll sein, bei denen ein Präparat allein nicht die gewünschte Wirkung erzielen konnte.
Bei Cholinesterase-Hemmern und Memantin gilt: Für einen Behandlungserfolg ist entscheidend, dass die Patientinnen und Patienten ihre Medikamente regelmäßig und ohne Unterbrechungen einnehmen. Wird die Therapie zeitweise ausgesetzt, schreitet die Erkrankung rasch voran. Die dann entstehenden kognitiven Defizite lassen sich auch durch erneute Einnahme der Antidementiva nicht wieder ausgleichen. Wegen der auftretenden Vergesslichkeit ist die Therapietreue (Compliance) bei Alzheimer-Patienten oft ein Problem. Umso wichtiger ist es, dass Angehörige und Pflegekräfte mit darauf achten, dass die Medikamente eingenommen werden.
Ginkgo, Ginseng und andere
Neben diesen Antidementiva gibt es noch eine Reihe weiterer - nicht verschreibungspflichtiger - Substanzen, die mit dem Ziel einer Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit eingesetzt werden: Ginkgo biloba, verschiedene Vitamine, Pflanzenextrakte aus Ginseng, Mistel oder Knoblauch etc.
Zwar berichten immer wieder Patienten, dass ihnen die Einnahme solcher Präparate geholfen habe, in wissenschaftlichen Untersuchungen konnten diese Substanzen ihre Wirksamkeit bislang allerdings noch nicht unter Beweis stellen. Sie sind in Fachkreisen umstritten und gehören nicht zu den von medizinischen Fachgesellschaften empfohlenen Standard-Therapeutika bei Morbus Alzheimer. Wer sie trotzdem einnehmen möchte, sollte das in jedem Fall mit Arzt oder Ärztin besprechen, denn rezeptfreie und pflanzliche Mittel besitzen ebenfalls Nebenwirkungen.
Darüber hinaus kann der Arzt einschätzen, ob vielleicht auch andere Präparate als Antidementiva sinnvoll sind. Das kommt relativ häufig vor, denn nicht wenige Alzheimer-Patienten leiden unter psychiatrischen Begleiterscheinungen wie Angst, Schlafstörungen, Unruhe oder Depressionen. Treten solche Begleiterscheinungen auf, sollte man das dem Arzt oder der Ärztin mitteilen. Diese Beschwerden lassen sich mit entsprechenden Medikamenten in den meisten Fällen gut behandeln.
Welche nicht-medikamentösen Maßnahmen gibt es?
Abseits von Medikamenten gibt es viele Möglichkeiten, um das Befinden und die Lebenssituation von Alzheimer-Patienten zu verbessern. So hat man in den Bereichen Physiotherapie (Krankengymnastik), Beschäftigungs- und Sprachtherapie speziell an die Bedürfnisse angepasste Programme entwickelt. Sie alle haben dasselbe Ziel: die größtmögliche Selbstständigkeit im Alltagsleben.
Alltägliche Verrichtungen werden gezielt trainiert - und vielleicht noch wichtiger: Es wird dafür gesorgt, dass die Patientinnen und Patienten körperliche und geistige Anregung bekommen - etwa beim Malen, Musizieren oder Basteln. Außerdem gibt es Gedächtnistrainings für Demenz-Patienten, die verbliebene intellektuelle Fähigkeiten erkennen und aktivieren helfen. All diese nicht-medikamentösen Maßnahmen können prinzipiell in jedem Stadium der Erkrankung eingesetzt werden. Wichtig ist es dabei, die Kranken zu fordern, ohne sie zu überfordern.
Autor: Ulrich Kraft (Arzt und Medizinjournalist) |
Quellen:
Demenz (Alzheimer). Evidenzbasierte Leitlinie zu Diagnose und Therapie. Entwickelt durch das medizinische Wissensnetzwerk "evidence.de" der Universität Witten/Herdecke. Version 05/2005.
European Federation of Neurological Societies (EFNS): Diagnosis and management of Alzheimer's disease and other disorders associated with dementia. EFNS guideline (European Journal of Neurology 2007, 14: 1-26).
Klaus Poeck: Neurologie. Springer-Verlag 12. Auflage 2006.

