HEALTH CENTER: Frauengesundheit
Depression - eine Frauenkrankheit?
Depressionen sind bei Männern oft schwerer erkennbar, weil sie körperliche Symptome in den Vordergrund stellen und Traurigkeit und Selbstzweifel bewusst verschweigen. Frauen sprechen dagegen offener über ihre Ängste und Stimmungsschwankungen, sie werden deshalb auch schneller als depressiv eingestuft. Ob eine Depression bei Männern tatsächlich seltener vorkommt, ist aus diesem Grund fraglich. Bei den manisch-depressiven Erkrankungen (bipolaren affektiven Störungen) gibt es jedenfalls keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern.
Erlernte Hilflosigkeit
Viele Frauen, so lautet ein Argument der Psychologen, lernten von den Müttern Elemente eines passiven Verhaltens, während die Männer mehr zu "aktiver Problemorientierung" erzogen werden. Dieser Unterschied in der Erziehung ist heute weit weniger ausgeprägt. Trotzdem gibt es Fälle, in denen Frauen stärker als Männer dazu neigen, mit Schuldgefühlen und Depression auf Probleme zu reagieren, anstatt sie bewusst anzugehen und auch unbequeme Lösungen zu suchen.
Überforderung
Die gesellschaftliche Stellung der Frauen hat sich in den letzten Jahrzehnten entscheidend gewandelt. Von der klassischen Rolle als Hausfrau und Mutter hin zur Frau, die alles gleichzeitig bewältigt: Sie ist berufstätig, zieht Kinder groß und führt den Haushalt. Diese anstrengende Mehrfachbelastung und die Tatsache, dass Frauen bei gleichen Voraussetzungen schlechtere Karrierechancen als Männer haben, könnten dazu führen, dass Frauen eher zu Depressionen neigen.
Hormonelles Chaos
Frauen sind vor der Menstruation oder nach einer Geburt anfälliger für eine Depression. Das sind Zeiten, in denen es mit den Hormonen ordentlich "auf und ab" geht. Ob Frauen während der Wechseljahre und in der Zeit danach häufiger an Depressionen erkranken, ist noch nicht abschließend geklärt. Unklar ist auch, über welchen Mechanismus die weiblichen Hormone die Stimmung beeinflussen oder eine Depression auslösen.
Wichtiges Östrogen
Eine wichtige Rolle spielt möglicherweise das Hormon Östrogen. Es erhöht die Konzentration von Serotonin und weiteren Botenstoffen des Gehirns, beispielsweise Acetylcholin, Noradrenalin und Dopamin. Ein Mangel an körpereigenem Serotonin kann Depressionen verursachen. Es wäre deshalb denkbar, dass der niedrigere Östrogenspiegel nach der Menopause Depressionen hervorruft, weil die Serotoninwirkung vermindert ist. Frauen, die nach der Menopause extrem unter Stimmungsschwankungen leiden, können vorübergehend Hormone erhalten. Der Einnahmezeitraum ist hier allerdings aufgrund neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse auf ein Jahr begrenzt.
Vor den Tagen
Beim prämenstruellen Syndrom treten die depressiven Störungen unmittelbar vor der Menstruation auf. Die Anfälligkeit scheint auch genetisch mibestimmt zu sein und wird durch Umwelteinflüsse wie beispielsweise Stress verstärkt. Nur schwere Fälle des prämenstruellen Syndroms sollten mit Medikamenten behandelt werden. Ein Beispiel sind Frauen, die deshalb mehrere Tage lang nicht ihren gewohnten Tätigkeiten nachgehen können.
Nach der Geburt
Eine Wochenbettdepression (postpartale Depression) tritt nach der Geburt auf. Davon abzugrenzen ist der "Baby Blues" - eine leichtere depressive Verstimmung, an der viele Frauen im Wochenbett leiden. Meist ist das nur eine relativ kurze Episode, die wahrscheinlich durch die vielfältigen hormonellen Umstellungen nach der Geburt und die zusätzliche Verantwortung für das neue Leben ausgelöst wird. Erst wenn die Symptome länger als zwei Wochen andauern, muss man an eine ernsthafte Wochenbettdepression denken.
Lebensmüde Gedanken
Weltweit sterben nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) rund eine Million Menschen jährlich durch Selbsttötung - mehr als durch Krieg und Mord zusammen. Am meisten Selbstmorde verzeichnet die WHO in Osteuropa. Am niedrigsten sei die Suizidrate in Südamerika und den islamischen Ländern. In der Geschlechter-Verteilung gibt es deutliche Unterschiede: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO nehmen sich mehr Männer als Frauen das Leben. Jedoch unternehmen mehr Frauen einen Selbstmordversuch. Meist versuchen sie, sich mit einer Überdosis Tabletten das Leben zu nehmen. Suizidversuche werden zwar nicht offiziell erfasst, es gibt aber Schätzungen, denen zufolge über 60 Prozent der Suizidversuche von Frauen verübt werden.
Therapie bei Frauen
Bei leichten Depressionen eignen sich pflanzliche Präparate, beispielsweise hochdosiertes Johanniskraut. Mittelschwere bis schwere Depressionen sollten jedoch mit Antidepressiva behandelt werden. Hormonpräparate in Kombination mit Antidepressiva können bei schweren Fällen in den Wechseljahren bis zu einem Jahr eingesetzt werden.
Vielfach verschreiben Ärzte den Frauen nichtpflanzliche Beruhigungsmittel oder schlafanstoßende Medikamente. Diese mögen zu Beginn einer antidepressiven Behandlung sinnvoll sein, weil sie schnell wirken und die quälende innere Unruhe mildern. Weil diese Medikamente abhängig machen können, sollten sie in der Regel nicht länger als zwei bis drei Wochen eingenommen werden. Sinnvoller ist es, ein Antidepressivum zu geben und - wenn die antidepressive Wirkung einsetzt - die Schlaf- und Beruhigungsmittel abzusetzen. Bei milden Beruhigungsmitteln wie Baldrian, Hopfen oder Passionsblume besteht keine Gefahr der Abhängigkeit.
| Erstautor: Prof. Dr. med. Ulrich Hegerl, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie (netdoktor.de) |
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