HEALTH CENTER: Frauengesundheit
Frauen im Wechselbad der Hormone
Einmal im Monat ist es so weit: Dann bekommen Frauen ihre Weiblichkeit auf eher unangenehme Weise zu spüren. Prämenstruelles Syndrom - kurz PMS - nennen Mediziner jene Beschwerden, die mal mehr, mal weniger stark vor der Regelblutung auftreten.
Nervosität und Müdigkeit, Stimmungsschwankungen, Kopfschmerz und Depressionen aber auch Spannungsgefühle im Busen sowie anschwellende Gliedmaßen und Blähungen können die Folge natürlicher Hormonschwankungen sein. "Etwa jede fünfte Frau fühlt sich in den ein bis zwei Wochen vor der Regelblutung behandlungsbedürftig", sagt die Psychiatrieprofessorin Kimberly A. Yonkers von der Yale School of Medicine.
Bei vier Prozent sei die Belastung so groß, dass man von einer echten Behinderung sprechen könne. Fachleute haben diesen besonders schweren Fällen nochmals einen eigenen Namen gegeben: Prämenstruelle Dysphorie, abgekürzt PMDD. "Fast in jedem Zyklus leiden betroffene Frauen ein bis zwei Wochen lang, im Laufe ihres Lebens sind das drei bis acht Jahre", rechnet Yonkers vor.
Über die Ursachen rätseln die
Experten schon seit Jahrzehnten. Zwar liegt es nahe, das Leiden mit den
Konzentrationsschwankungen der Geschlechtshormone Östrogen und
Progesteron in Verbindung zu bringen. Beweise für diese Theorie gibt es
aber nicht, sagt der britische Gynäkologe Shaughn O´Brian von der Keele
University, der das Phänomen schon seit langem erforscht.
"Noch
ist es niemandem gelungen, Störungen im Hormonhaushalt bei denjenigen
Frauen nachzuweisen, denen PMS und PMDD besonders zu schaffen
machen", erklärte der Wissenschafter auf dem ersten Weltkongress
"Women´s Mental Health" Ende März in Berlin.
Viele Therapien mit zweifelhafter
Wirkung
Auf dem Boden der Ignoranz gedeihen denn auch eine Fülle höchst zweifelhafter Therapien, kritisiert der Brite. Von Antibiotika, Beruhigungsmitteln über Vitaminkuren und verschiedene Diäten reicht das Spektrum bis hin zu Hypnose, Yoga und intravaginaler Elektrostimulation. "Jedes erdenkliche Hormon wurde schon vorgeschlagen und natürlich auch Operationen wie das Abtragen der Gebärmutterschleimhaut sowie die Bestrahlung des Unterleibes", ereifert sich O´Brian.
Was den Gynäkologen am meisten ärgert, ist die Tatsache, dass nur für einen winzigen Bruchteil aller PMS-Therapien handfeste Beweise der Wirksamkeit vorliegen. "Millionen englischer Frauen nehmen täglich Nachtkerzenöl ein, obwohl es in acht von zehn Studien nicht wirksamer war als ein Scheinmedikament". Lediglich für den Mönchspfeffer (Agnus castus) konnte eine Wirkung kürzlich nachgewiesen werden. Der weit verbreitete Glaube, durch eine progesteronhaltige Pille ließe sich PMS beeinflussen, entbehrt dagegen nach Meinung O´Brians jeder wissenschaftlichen Grundlage.
Sensible Nerven im Kopf
Erst in jüngster Zeit mehren sich die Hinweise, dass PMS nicht im Bauch, sondern im Kopf entsteht. Neuroforscher fanden nämlich heraus, dass Geschlechtshormone wie Östrogen und Progesteron sowohl direkt, als auch über verschiedene Zwischenstationen mit den Nervenzellen des Gehirns kommunizieren. Bei Frauen, die an PMS leiden, könnten manche Schaltstellen zwischen den Nervenzellen zu empfindlich auf die Hormonschwankungen reagieren, spekuliert O´Brian.
Wesentlich einfacher können PMS und PMDD mit bestimmten Medikamenten aus der Gruppe der Antidepressiva gelindert werden. "Die wissenschaftlichen Beweise für die Wirksamkeit dieser so genannten SSRI (selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Inhibitoren) sind so eindeutig, dass man diese Medikamente als Erste einsetzen sollte", fasst O´Brian den Stand der Forschung zusammen. Etwa 60 Prozent aller Patientinnen könne damit geholfen werden.
Auch die Psychiatrie-Professorin Yonkers hat mit den SSRI gute Erfahrungen gemacht: "Die Beschwerden bessern sich schnell und viele Frauen kommen gut damit zurecht, diese Arzneien nur während einer Hälfte des Zyklus, der Gelbkörperphase, zu nehmen." So stehen Ärzte heute vor der Situation, dass zwar ein offenbar recht wirksames Therapeutikum existiert, die eigentlichen Ursachen der Krankheit aber noch immer nicht geklärt sind.
Michael Simm ist freier Medizinjournalist in Offenburg.
Letzte Aktualisierung: April 2005
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