HEALTH CENTER: Männergesundheit
Der Traum von der ewigen Potenz
Was versteht man unter Potenz?
Das Wort Potenz bedeutet Stärke, Macht und Können.
Wahrscheinlich wird jeder Mann im Laufe seines Lebens, unabhängig von Alter und Lebensverhältnissen, einmal Erektionsprobleme haben. Handelt es sich nur um eine vorübergehende Erscheinung, lassen sich die meisten Männer dadurch nicht aus der Fassung bringen. Eine länger andauernde erektile Dysfunktion (der Penis wird nicht steif genug, um Geschlechtsverkehr ausüben zu können) hat aber erheblichen Einfluss auf das Selbstwertgefühl eines Mannes.
Es ist daher kein Zufall, dass das Wort Impotenz (= Kraftlosigkeit) den Charakter eines Schimpfworts hat. Impotenz bedroht nicht nur die sexuelle Funktionsfähigkeit, sondern wird generell als Statusverlust und als Schwächung der männlichen Identität erlebt. Können Männer über einen längeren Zeitraum keine Erektion bekommen, fühlen sie sich sexuell nicht mehr als Männer.
In den letzten Jahren hat sich bei Männern der Wunsch nach lebenslanger sexueller Aktivität verstärkt. Neue medizinische Technologien sollen dabei zu einer stabilen, ungestörten Erektion verhelfen - das ganze Leben lang.
Viagra® und andere Stimulanzien
Für Frauen und Männer gibt es neue Möglichkeiten, ihre sexuelle Aktivität bis ins Alter auszuleben. Die Angst der Männer vor Impotenz führt oft zur unnötigen Einnahme von Medikamenten. Dabei vergessen viele Männer, dass Sex mehr ist als nur ein körperlicher, mechanischer Akt. Denn mit Sex sollte auch Nähe, Intimität und Liebe verbunden sein.
Präparate, die die weibliche und männliche Sexualkraft stimulieren, waren zu allen Zeiten populär. Viele dieser Hilfsmittel waren zwar ineffektiv, aber der Glaube kann ja bekanntlich Berge versetzen - und ab und zu verhilft dieser auch zu einer Erektion. Heute gebräuchliche Hilfsmittel sind Vibratoren (Massagegeräte), Penisringe, Vakuumpumpen, Penisimplantate, die Rinde des Yohimbinbaums, Nitroglycerinpaste und anderes mehr.
Viagra® ist ein Medikament, das wenige Nebenwirkungen aufweist und Männern effektiv zur Erektion verhilft. Es eignet sich besonders, wenn die Nervenversorgung zum Penis beschädigt ist, etwa nach Rückenmarksverletzungen, Operationen an den Geschlechtsorganen (Prostata-Operationen), auf Grund langjähriger Diabetes oder wenn der Penis nicht ausreichend mit Blut versorgt wird.
Hilft Viagra® auch bei psychisch bedingter Impotenz?
Die Hersteller sagen zwar ja. Dies ist aber umstritten.
Viele Männer stehen unter enormem Leistungsdruck. Sie haben Angst vor sexuellen Fehlschlägen und davor, von anderen auf Grund ihrer Penisgröße verspottet zu werden. Sie befürchten, dass andere Männer von ihrer fehlenden Potenz erfahren könnten. Impotenz stellt für viele Männer ein Anzeichen viriler (männlicher) Schwäche dar.
Weit verbreitet ist die Meinung, dass die Störung ausschließlich auf körperliche Faktoren zurückzuführen ist. Fachleute indes gehen davon aus, dass Erektionsprobleme nicht selten psychisch bedingt sind.
Selbstanalyse - Welche Ursachen könnte die Impotenz haben?
Erektile Störungen sind unter Umständen ein Alarmsignal des Körpers. Deshalb sollten sich beide Partner zur Lösung des Problems folgende Fragen stellen:
- Welche Bedeutung hat diese Reaktion des Körpers?
- Was sind die Ursachen?
- Was sind die Wirkungen?
- Sind Missstimmung, Nervosität und Unausgewogenheit des Mannes Reaktionen auf die Impotenz oder die Ursache dafür?
- Sind die Reaktionen der Frau hauptsächlich ein Folgezustand oder der Ursachefaktor?
- Welche Rolle spielen die Probleme in der Partnerschaft?
In manchen Fällen könnte ein solcher Suchprozess das Problem bereits lösen. Größeres Selbstverständnis und gegenseitige Einsicht sind das Ergebnis, besonders bei Paaren, die zusätzlich psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.
Natürlich hat nicht jeder Mann eine positive Einstellung zu einer derartigen Selbstanalyse. Solange es sich lediglich um eine Erektionsstörung handelt, wird Viagra® auch den gewünschten Erfolg zeitigen. Aber eine Erektion allein wird nicht die Lösung aller Partnerschaftsprobleme sein. In einem Artikel der "Times" hieß es einst: "Sie können einem erzürnten Paar Viagra geben, und dann haben Sie ein erzürntes Paar mit einer Erektion."
Viele Männer greifen zu diesem Präparat. Aber nicht allein aus Gründen der Luststeigerung, sondern vor allem weil der erigierte Penis das Selbstwertgefühl steigern soll.
Körperliche und seelische Ursachen von Impotenz
Die Ursachen für einen unzureichend erigierten Penis können körperlicher oder psychischer Natur sein. Häufig sind folgende Ängste für die Impotenz verantwortlich: die Furcht, den Partner nicht zufrieden zu stellen, die Angst vor sexuellem Genuss und Geschlechtskrankheiten, körperliche und seelische Minderwertigkeitskomplexe. Es kann aber auch eine bewusste oder unbewusste Aggression zu Grunde liegen, die sich z. B. gegen die Partnerin richtet, eventuell gegen das gesamte weibliche Geschlecht, oder von Selbsthass gezeichnet ist.
Impotenz mag auch ein Mittel des Machtkampfs zwischen Frau und Mann darstellen. Zum Beispiel bestraft er sie bewusst oder unbewusst, indem er ihr seine Potenz verweigert, oder sie konstruiert bewusst oder unbewusst Situationen, in denen seine Erektion nicht zu Stande kommt, um ihre Macht zu demonstrieren.
Oft hängt die Problematik mit mangelnder Kommunikation zusammen. Die Partner missverstehen einander und sind unfähig, darüber zu sprechen, was sie in ihrem Sexualleben vorziehen beziehungsweise ablehnen. Manchmal geschieht das aus falscher Rücksichtnahme, vielleicht passen sie auch einfach nicht zusammen. Sexuelle Vorlieben wie Fetischismus, Transvestismus, Sadomasochismus oder homosexuelle Komponenten können sich störend auf die partnerschaftliche Sexualität auswirken, wenn es nicht zu einem gegenseitigen Einverständnis darüber kommt.
Welche Hilfe gibt es bei Impotenz?
Zur Veranschaulichung einige Zahlen aus den USA: Beginnend mit dem Jahr 1981 haben sich in einem Zeitraum von zehn Jahren mehr als 800 Männer an die Urologische Abteilung des New Yorker Beth Israel Medical Center gewandt. Knapp zehn Prozent der Männer wurden als psychisch bedingte Fälle eingestuft und bekamen psychotherapeutische Hilfe. Über 90 Prozent waren der Ansicht, ihre Impotenz habe größtenteils oder sogar ausschließlich körperliche Ursachen. Weitere Untersuchungen ergaben jedoch, dass dies lediglich auf 45 Prozent der Männer zutraf, während die Impotenz bei 55 Prozent psychische Ursachen hatte.
Viele Männer begeben sich erst dann in Behandlung, wenn ihre Partnerschaft in die Brüche zu gehen droht. Das gilt für Männer aller Altersgruppen. Bevor sie Hilfe in Anspruch nehmen, vergehen oft Jahre. Ärzte sollten jeden ernst nehmen, der über ein sexuelles Problem klagt. Vorrausetzung ist, dass sich der Arzt ausreichend Zeit nimmt, sowohl mit dem Mann als auch mit dessen Partnerin ein ausführliches Gespräch zu führen, und dass er selbst entsprechende Fachkenntnisse besitzt.
Arzneimittel gegen Potenzprobleme sollten primär bei organisch bedingten Erektionsstörungen zusammen mit einer Beratung angewendet werden. Denn Medikamente allein reichen selten aus. Bei einer psychisch bedingten Impotenz sollten psychologische Beratung und Psychotherapie weiterhin die erste Wahl sein, eventuell in Kombination mit entsprechenden Präparaten.
Wenn der Arzt jedoch nicht selbst die Verantwortung tragen will oder nicht die erforderliche Ausbildung hat, sollte er den Patienten an einen Facharzt (Sexualtherapeut oder Psychiater) überweisen.
Autor: Dr. Preben Hertoft
Mitarbeit: Johanna Martina Dorsch, Sozialtherapeutin
Letzte Aktualisierung: Januar 2000
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