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Experten-Statement zur Ejaculatio praecox

Sexuelle Funktionsstörungen sind mittlerweile Thema in Männerrunden und Arztpraxen - dank wirksamer Medikamente und des Medienrummels rund um die verschiedenen Potenzmittel. Leider betrifft diese neue Offenheit aber nur einen Teil der männlichen Sexprobleme: die Erektile Dysfunktion. Noch immer tabuisiert wird dagegen ein viel häufigeres Problem, das besonders jüngere Männer (25-40%) betrifft: die Ejaculatio praecox (EP), das Erreichen des Orgasmus lange bevor der Mann und seine Partnerin dies wünschen.

Wegen der Unfähigkeit, den Orgasmusreflex zu kontrollieren, wird kaum ein Arzt angesprochen - trotz erheblichem Leidensdruck und mitunter schwer wiegenden Auswirkungen auf die Partnerschaft. Nicht zuletzt liegt die Ursache des Schweigens aber auch auf Seiten der Ärzte, die mangels allgemein akzeptierter und gesicherter Erklärungen ihre Patienten kaum selbst nach dem Vorliegen einer EP fragen. Es herrscht die Meinung vor, dass in diesem Bereich - wenn überhaupt - nur der Psychologe helfen kann, und schon fühlen sich Urologe und Hausarzt nicht mehr zuständig. Dabei wurden die Forschungen rund um das Krankheitsbild in den letzten Jahren enorm verstärkt und neuere Studien zeichnen ein klareres Bild: Der vorzeitige Orgasmus stellt sich darin als biopsychosoziales Phänomen dar, das zwar Umwelt und Psyche betrifft, aber durchaus eine körperliche Ursache hat, die beforscht, diagnostiziert und auch behandelt werden kann.

In Anbetracht der Tatsache, dass es einerseits einen großen Aufklärungsbedarf gibt und andererseits wirksame Therapien zur Verfügung stehen, trafen sich fünf namhafte heimische Männerärzte Anfang des Jahres zu einem Experten-Meeting in St. Johann/Pongau, um ihren Kollegen einen umfassenden Leitfaden zur Therapie an die Hand zu geben. In ihrem Statement bewerten sie kritisch Therapiemethoden und Hypothesen zur EP-Entstehung:

Definition der Ejaculatio praecox:
1. Anhaltendes oder wiederkehrendes Auftreten einer Ejakulation bei minimaler sexueller Stimulation vor, bei oder kurz nach der Penetration und bevor die Person es wünscht.
2. Deutliches Leiden oder zwischenmenschliche Schwierigkeiten


Ursachen

Wie bei anderen Funktionsstörungen auch, gibt es für die EP nicht einen alleinigen Grund, sondern mehrere auslösende Faktoren, wobei die Kombination aus körperlichen Schwächen und psychologischen Bedingungen das Phänomen am ehesten zu erklären vermag. Auf Grund von Angst oder anderen psychischen Faktoren verschiebt sich die Balance aus nervlicher Spannung (gesteuert vom sympathischen Nervensystem) und Entspannung (gesteuert vom parasympathischen Nervensystem) zu Gunsten der Spannung, was den <?flex einleitet.

Diskutiert wird außerdem ein angelerntes Verhalten durch extremen Zeitdruck bei den ersten geschlechtlichen Aktivitäten. Gegen diese Hypothese spricht jedoch, dass viele Männer ihre ersten sexuellen Erfahrungen in Form von "schnellem Sex" ohne Intimität machen, und doch keine EP entwickeln. Die Unfähigkeit der Erregungssteuerung und das subjektive Gefühl, binnen kürzester Zeit zum Orgasmus zu kommen, sind dabei oft mit Angst verbunden, die wiederum das Wahrnehmen der eigenen Erregung behindert. Ob die Orgasmusschwelle dabei niedriger liegt als bei anderen Männern oder ob sie schneller erreicht wird, ist derzeit noch unklar.


Start-Stopp-Methode / Squeeze-Methode / Psychoanalyse

Zu Freud`s Zeiten galt ein vorzeitiger Orgasmus als Zeichen einer tief im Unbewussten schlummernden Neurose, die durch klassische Analyse zu behandeln ist. In den 50er- und 60er-Jahren entwickelten die US-amerikanischen Sexualtherapeuten Masters und Johnson dann die Konditionierungshypothese, nach der ein vorzeitiger Höhepunkt gelerntes Verhalten sei, das ebenso gut wieder verlernt werden könne. Quasi als "Training" empfahlen sie ihren Patienten, sich auf ihre Erregung zu konzentrieren und kurz vor Erreichen des Orgasmus innezuhalten, um die Kontrollphase zu verlängern (Start-Stopp-Methode).

Bei einer weiteren Technik soll durch Unterbrechung der sexuellen Stimulation und Zusammendrücken der Eichel kurz vor der Ejakulation versucht werden, diese zu kontrollieren (Squeeze-Technik; engl: squeeze = quetschen). Die von dem Forscher-Duo angegebenen Erfolgsquoten von 80-90% mit "Stopp" und "Squeeze" konnten jedoch von anderen Wissenschaftern nicht bestätigt werden. "Für die Konditionierungshypothese fehlen bislang überzeugende klinische und empirische Belege, ebenso wie für den psychoanalytischen Ansatz", so die Meinung der österreichischen Expertenrunde.


Lokal betäubende Salben oder Cremes

Örtlich schmerzstillende und betäubende Wirkstoffe (Lokalanästhetika: Lidocain, Benzocain) können als Salbe auf die Eichel aufgetragen werden und so die sexuelle Stimulation dämpfen. Allerdings empfiehlt es sich dabei, ein Kondom zu tragen, um die Partnerin nicht ebenfalls zu verzögern. Auch mit Lokalanästhetika beschichtete Kondome sind mittlerweile erhältlich. Im Experten-Statement wird ein solches Vorgehen aber zwiespältig beurteilt: "Anästhesierende Cremes haben oftmals lästige Nebeneffekte und reduzieren die Empfindungsfähigkeit. Da Berührungen weniger stark wahrgenommen werden, können auch Erregung und Lust beeinträchtigt sein."


Antidepressiva (Clomipramin/Selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer/SSRI)

Schon kurz nach Einführung einer neuen, wirksamen Klasse von Antidepressiva, den SSRI, wurde ihre "Nebenwirkung" einer Verzögerung des Orgasmus bemerkt und gegen EP eingesetzt. Leider zählen aber Libidoverlust, Erektionsprobleme und das völlige Ausbleiben des Höhepunkts (Anorgasmie) ebenfalls zu den Wirkungen dieser Medikamente. "Daher stellt sich die Therapie mit den Antidepressiva in der Praxis schwierig dar", so die Experten. "Vielen Patienten widerstrebt die regelmäßige Einnahme eines Psychopharmakons oder sie neigen dadurch zu Müdigkeit, was wiederum zu sexueller Inappetenz führen kann."


Sexualtherapie / Paartherapie

In der modernen Sexualmedizin gibt es die Dualität von Körper und Geist nicht mehr. Es herrscht das Verständnis vor, dass Sexualität ein Grundbedürfnis des Menschen ist, ebenso wie der Wunsch nach Nähe, Geborgenheit, Akzeptanz und Zuwendung. Die Erfüllung dieser Grundbedürfnisse ist für alle Menschen ab der Geburt von essenzieller Bedeutung. Während beim Neugeborenen diese Bedürfnisse durch den intensiven Körperkontakt mit der Mutter gestillt werden, sind sie beim Erwachsenen besonders intensiv im positiv und lustvoll erlebten intimen Körperkontakt zu erfahren. Darüber hinaus hat Sexualität natürlich noch eine Menge mehr Funktionen, es geht auch um Lust, Beziehung und Selbstvertrauen. Damit erhält die Sexualität eine Menge mehr Dimensionen, als auf körperlicher Ebene zu erfassen wären. In der Sexualtherapie kann auf diese Mehrdimensionalität angemessen eingegangen werden. Durch die Wiedererfüllung der Grundbedürfnisse können enorme psychodynamische Kräfte mobilisiert werden.

"In der Therapie der EP sollte der Fokus weg vom symptomtragenden Individuum hin zum Paar mit dem Bedürfnis nach wechselseitiger Erfüllung psychosozialer Grundbedürfnisse nach Nähe, Akzeptanz und Zugehörigkeit verlagert werden", heißt es im Statement der Männerärzte. "Schließlich geht es nicht nur um das Beseitigen einer gestörten sexuellen Funktionalität, sondern auch um das Wiedererlangen einer partnerschaftlichen Beziehungsqualität." In der Paartherapie kommen verschiedene Ansätze aus der Verhaltenstherapie ebenso wie analytisch orientierte Behandlungen zur Anwendung. Die "syndyastische Sexualtherapie" nach Beier&Loewit hat sich dabei durch einen bindungsstabilisierenden und beziehungsfestigenden Ansatz ausgezeichnet.


PDE-5-Hemmer / Sildenafil (Viagra®) 

Phosphodiesterase-5-Hemmer werden bei Erektiler Dysfunktion seit längerem erfolgreich eingesetzt. Am meisten Anwendungserfahrung und klinische Studien existieren dabei zu Sildenafil, dem Wirkstoff der blauen Viagra®-Pille. Neuere Forschungen haben gezeigt, dass es mit Sildenafil auch zu einer deutlichen Verlängerung der intravaginalen Ejakulations-Latenzzeit (IVELT) und somit zur Besserung einer EP kommt. Auf welchem Wege diese Verbesserung erreicht wird, ist noch nicht ganz geklärt. Möglicher Grund ist eine Verlängerung der Erektion an sich, es gibt aber auch Hinweise auf eine direkte Wirkung von Sildenafil auf die nervliche Steuerung der Erektion sowie Effekte auf das Sexualzentrum im Gehirn.

Die Ergebnisse einer Anwendungsbeobachtung des Arbeitskreises für Andrologie und sexuelle Funktionsstörungen der Österreichischen Gesellschaft für Urologie zum Einsatz von Sildenafil in der Behandlung des vorzeitigen Orgasmus bei 18 Patienten zeigten eine deutliche Verbesserung der IVELT von ursprünglich durchschnittlich 15 Sekunden auf zwei bis drei Minuten. Entsprechend war die überwiegende Mehrheit der Patienten (90%) mit der Behandlung sehr zufrieden. Der angenehme Nebeneffekt: Fast immer geht die Verlängerung der IVELT mit einer deutlichen Verbesserung der Erektionsfähigkeit einher. Darüber hinaus konnte bei einigen Paaren durch die Wirksamkeit der Therapie auch die allgemeine Beziehungsqualität entscheidend verbessert werden. Das Expertenurteil: "Bei Patienten mit vorzeitigem Orgasmus verbessert die Gabe von Sildenafil nach Angaben der Männer nicht nur die Erektile Dysfunktion, sie ist auch mit einer signifikant längeren IVELT und mit einer objektiven Verbesserung der allgemeinen sexuellen Zufriedenheit assoziiert."


Kombination von Antidepressiva und PDE-5-Hemmern

In mehreren Studien hat sich die Kombination der Behandlungsmöglichkeiten Antidepressiva und PDE-5-Hemmer als wirksamste Option herausgestellt. Insbesondere der alleinigen Therapie mit Antidepressiva war diese Kombination dabei überlegen. Entsprechend der Datenlage wird der doppelte Angriff von den österreichischen Experten durchaus positiv beurteilt: Durch die Kombinationstherapie mit SSRI (Paroxetin, Sertralin) werde "nicht nur die Zeit bis zur Ejakulation, sondern auch die allgemeine sexuelle Zufriedenheit der Patienten" signifikant verbessert.

Quelle: Jungwirth A, Dunzinger M, Loewitt K, Plas E, Struhal G: Stellenwert von Sildenafil in der Therapie der Ejaculatio praecox. In: Internationale Zeitschrift für ärztliche Fortbildung (19) 2004.

Letzte Aktualisierung: Oktober 2004

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