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Männerdepression

Dass Herbert K. unter einer Depression litt, konnte er selbst erst richtig glauben, als es ihm etwa zehn Tage nach Beginn der Therapie besser ging. Der ständige Ärger über die unfähigen Arbeitskollegen, die ihm - und dadurch auch seinen Mitarbeitern - den Büroalltag zur Hölle gemacht hatten, war wie weggeblasen. Mit seiner Frau konnte er sich seit langem wieder einmal unterhalten, ohne sie anzubrüllen und sich anschließend mit der Flasche Wein vor den Fernseher zurückzuziehen. Woher diese Wut kam, wusste er nicht, und seine Ausbrüche taten ihm auch jedesmal leid, aber er war sicher, dass die anderen, und nicht er selbst daran Schuld waren. Erst auf Drängen seiner Familie, schließlich auch auf Wunsch seines Arbeitgebers, sprach Herbert K. mit seinem Hausarzt über das Problem. "Depressionen sind doch Frauensache", so seine erste Reaktion auf dessen Diagnose. "Das kann nicht sein. Ich gehe doch jeden Tag arbeiten, und herumheulen tue ich ganz bestimmt nicht."


Männerdepression: lange unerkannt

Lange bestätigten auch epidemiologische Untersuchungen zur Häufigkeit der Depression die Annahme, dass die Erkrankung vor allem Frauen betrifft. "Zum Teil waren diese Studienergebnisse aber darauf zurückzuführen, dass Männer bei Depressionen einfach weniger zum Arzt gehen", glaubt Univ. Prof. DDr. Siegfried Kasper, Klinik für allgemeine Psychiatrie am AKH Wien. "Ein weiterer Grund ist es sicher, dass Depressionen beim Mann weniger leicht zu erkennen sind und nicht in die üblichen Diagnoseschablonen passen." Bereits in den 80er-Jahren kam erstmals der Verdacht auf, dass Ärzte bei der Depressionsdiagnose bei Männern Fehler machen würden. Im Rahmen eines Selbstmord-Verhütungsprogramms auf der schwedischen Insel Gotland wurden Ärzte systematisch darauf geschult, eine Depression bei ihren Patienten zu erkennen und entsprechend zu behandeln. In der Folge fiel die Selbstmordrate in der Region um zwei Drittel. Überraschend dabei war jedoch, dass zwar die Selbstmordrate der Frauen effektiv um 90% gesenkt wurde - die Rate bei Männern sich aber kaum veränderte. Als die Forscher in einem zweiten Teil der Studie die beteiligten Ärzte auf die spezifischen Symptome einer Depression beim Mann aufmerksam machten, gingen auch beim vermeintlich stärkeren Geschlecht die Todesfälle zurück.


Männer leiden anders

"Die Grundbeschwerden der Depression, wie niedergeschlagene Stimmung, Antriebslosigkeit, negative Gedankengänge und Schlafstörungen sind bei beiden Geschlechtern gleich häufig", erläutert Prof. Kasper. Der Psychiater untersuchte in den letzten Jahren mit großem wissenschaftlichen Einsatz geschlechtsspezifische Unterschiede der Depression und konnte noch zusätzliche - typisch männliche - Symptome erkennen: "Vor allem die Verbindung zwischen Depression und Aggression ist bei Männern besonders stark ausgeprägt", weiß Kasper heute. Gereiztheit ist eine Stimmung, die von geringer Impulskontrolle gekennzeichnet ist, von großem Ärger und einem starken Gefühl von Unbehagen begleitet wird. Männer in dieser Gefühlslage neigen zu übertriebenen Reaktionen, können wegen Kleinigkeiten völlig ausrasten - und bereuen hinterher ihren Ausbruch. "Eine solche gereizte Stimmung ist häufig das erste Anzeichen der nahenden Depression", so Kasper. "Manche Männer werden auch von regelrechten `Ärger-Attacken´ getroffen, die auch von den Betroffenen selbst als stark übertrieben und unpassend empfunden werden, gegen die sie sich aber dennoch nicht wehren können." Während dieser Anfälle schlägt das Herz wie wild, das Atmen fällt schwer, der Kopf wird rot, Schwindel, Schwitzen, Zittern - und schließlich das Gefühl, vollkommen die Kontrolle zu verlieren.


Selbstmord auf der Autobahn

Die Depression ist eine lebensgefährliche Erkrankung: Zehn bis fünfzehn Prozent der Betroffenen nehmen sich das Leben. Obwohl versuchte Selbstmorde dabei unter den Geschlechtern gleich häufig vorkommen, ist die Rate "erfolgreicher" Suizide bei Männern doppelt so hoch und die Erkrankung damit doppelt so gefährlich. Denn bei der Selbsttötung geht der Mann ebenfalls aggressiver vor. Doppelt so häufig sterben Männer auch bei Unfällen. Für Prof. Kasper ist ein möglicher Grund dafür, dass depressive Männer dazu tendieren, große Risiken einzugehen - auch im Straßenverkehr: "Einige der Verkehrsunfälle, zum Beispiel bei einer Geisterfahrt auf der Autobahn, können leicht als Selbstmord oder versuchter Selbstmord interpretiert werden." Mit dem Arzt über die Depression zu reden, fällt Männern erheblich schwerer als Frauen. Meist werden statt der schlimmen psychischen Befindlichkeit und der sozialen Probleme eher körperliche Symptome geschildert, wie Müdigkeit oder Schlaflosigkeit. Eine solche "maskierte Depression" ist ohne gezieltes Nachfragen durch den entsprechend sensibilisierten Arzt kaum zu erkennen. "Das soziale Stigma der Depression, das psychische Erkrankungen als Schwäche auslegt, macht es Männern zusätzlich schwer, in die Diagnose einzuwilligen", berichtet Kasper. "Die Behandlung wird daher auch öfter verfrüht abgebrochen und es drohen Rückfälle."


Erfolgreiche Kombinationstherapie

 In der Therapie steht ein breites Spektrum von Medikamenten und Psychotherapien zur Verfügung. "Es gibt kein spezielles Antidepressivum für den Mann", so Prof. Kasper. "Aber die neueren Antidepressiva, die so genannten SSRI (Selektive Serotonin-Reuptake-Inhibitoren) oder SNRI (Serotonin- und Noradrenalin-Reuptake-Inhibitoren) werden heute in der Therapie bevorzugt eingesetzt und wirken sehr gut." Der bei Depressionen im Gehirn stark verminderte Nerven-Botenstoff Serotonin wird durch die Medikamente wieder auf ein normales Niveau gebracht. Welches Präparat im jeweiligen Fall das beste ist, entscheidet der Arzt gemeinsam mit dem Patienten auf Grund des Nebenwirkungsprofils und möglicher Begleiterkrankungen. Manche Männer bemerken unter der medikamentösen Therapie eine eingeschränkte Erektionsstärke und auch weniger Lust auf Sex als Nebenwirkung. Psychotherapie kann dann eine Alternative sein. "Die Psychotherapie ist in der akuten Phase der Depression ebenso wirksam wie in der Langzeitbehandlung", so Prof. Kasper. Es handelt sich dabei nicht um eine jahrelange Analyse, sondern die Gespräche sind auf das aktuelle Problem fokussiert, von begrenzter Dauer und akzeptablen Kosten. "Die Kombination der medikamentösen Behandlung mit Antidepressiva und Psychotherapie ist in der Wirksamkeit den einzelnen Ansätzen überlegen", rät Kasper zu umfassender Behandlung. "Männer, die den Verdacht haben, eine Depression könnte hinter ihrer gereizten Stimmung stecken, sollten sich auf jeden Fall mit ihrem Arzt beraten." Die Therapie kann das aus den Fugen geratene Leben dann wieder in fröhlichere, entspanntere Bahnen lenken.

Besondere Charakteristika der Depression beim Mann:
  • Reizbarkeit und Verstimmung
  • Niedrige Impulskontrolle (schnelles Aufbrausen)
  • Wutanfälle, unbändiger Ärger
  • Neigung zu Vorwürfen und nachtragendem Verhalten
  • Geringe Stresstoleranz
  • Hohe Risikobereitschaft
  • Sozial unangepasstes Verhalten
  • Höhere Bereitschaft, eine Straftat zu begehen
  • Höherer Gebrauch von Suchtmitteln (vor allem Alkohol und Nikotin)
  • Generelle Unzufriedenheit mit sich selbst und anderen
  • Erhöhtes Selbstmordrisiko

Fragen, die eine "Männerdepression" aufdecken können:
  • Treiben Sie in letzter Zeit übermäßig viel Sport?
  • Mussten Sie in letzter Zeit immer wieder hart durchgreifen, damit Ordnung herrscht?
  • Haben Sie in letzter Zeit öfter die Beherrschung verloren, gebrüllt und andere beschuldigt - und dann bereut, ausgerastet zu sein?
  • Haben Sie Ihrer Familie und den Kollegen in letzter Zeit öfter klar machen müssen, wer hier eigentlich das Sagen hat?
  • Haben Sie in letzter Zeit öfter mit Familie, Freunden und Kollegen gestritten?
  • Haben Sie in letzter Zeit mehr getrunken und geraucht als sonst?
  • Fehlen Ihnen in letzter Zeit Kraft und Ausdauer?
  • Fühlen Sie sich in letzter Zeit öfter niedergeschlagen und mutlos?
  • Haben Sie in letzter Zeit Ihr sonstiges positives Lebensgefühl verloren?
  • Waren Sie in letzter Zeit unfähig, - sonst einfache - Entscheidungen zu treffen?
  • Haben Sie bei all diesen zwischenmenschlichen Problemen langsam das Gefühl, der einzig Normale zu sein?
  • Haben Sie sich in letzter Zeit oft alleine gefühlt?

Autor: Jochen Niehaus (Arzt)

Quelle: 
Siegfried Kasper: Male Depression; Feature Article, Newsletter International Society of Men`s Health 10/2003.

Letzte Aktualisierung: November 2003

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