Das unabhängige Gesundheitsweb für Österreich
netdoktor.at

HEALTH CENTER: Neurodermitis

Therapiemöglichkeiten

>>> Zum Health Center Neurodermitis

Auf Grund des chronischen Charakters der Erkrankung werden die therapeutischen Bemühungen nur dann von Erfolg gekrönt sein, wenn es gelingt, durch sorgfältige Pflege-Maßnahmen sowie durch Ausschaltung bzw. Vermeidung verschlechternder Faktoren die Häufigkeit und Schwere akuter Schübe möglichst gering zu halten.

 

Allergenvermeidung und Hautpflege

Da die auslösenden Allergene bei der Atopischen Dermatitis im Einzelfall nur selten bekannt sind, ist die Schaffung allergenarmer bzw. allergenfreier Bedingungen zwar wünschenswert aber nur selten zu verwirklichen. Allergenarme Diäten sind von zweifelhaftem Wert; Kuhmilch sollte aber in Problemfällen nicht vor dem ersten, Eier und Fisch eventuell erst ab dem zweiten sowie Erdnüsse nicht vor dem dritten Lebensjahr gegeben werden. Sojaprodukte gilt es überhaupt nur eingeschränkt zu verabreichen, da sie stark allergen wirken.

Der Aufenthalt in allergenarmer Umgebung (Meer, Hochgebirge) wirkt sich oft günstig aus. Der Verzicht auf pelztragende Haustiere zumindest während der ersten beiden Lebensjahre, Maßnahmen zur Hausstaubmilben-Bekämpfung und insbesondere Rauchverbot während Schwangerschaft und grundsätzlich in der Wohnung sind von Vorteil.

Um die erscheinungsfreien Intervalle möglichst lang zu halten und dem nächsten Schub effizient vorzubeugen, ist eine sehr regelmäßige Hautpflege (Pflegecremes, medizinische Badeöle) erforderlich.

 

Medikamentöse Therapie

Kortikosteroide (Kortison): Bei floriden Krankheitserscheinungen sind äußerlich angewendete Kortikosteroide noch immer das Mittel der Wahl. Sie werden seit 50 Jahren mit großem Erfolg eingesetzt, und dennoch leiden sie unter einem schlechten Ruf; die Kortison-Phobie ist im deutschsprachigen Raum weit verbreitet.

Kortison-Angst: In den 60er- bis 80er -Jahren des 20. Jahrhunderts wurden Kortisonpräparate großzügig, intensiv und über lange Zeiträume sowie z.T. auch innerlich zur Behandlung der Neurodermitis eingesetzt. Gelegentlich wurden sie auch Pflegeprodukten illegal beigemischt. Obwohl es sich bei Kortison um ein körpereigenes Hormon handelt, kann eine solche zusätzliche Applikation über einen längeren Zeitraum Schäden sowohl an der Haut als auch im Inneren des Körpers verursachen. An der Haut ist es vor allem die gefürchtete Verdünnung ("Atrophie"), an den inneren Organen die Auslösung von Zuckerkrankheit, die verringerte Knochendichte und vieles andere, was gefürchtet wird.

Die Kortison-Angst ist nicht rational begründbar
Die phasengerechte Anwendung einer neuen Generation mittelstark wirksamer, nebenwirkungsarmer Steroide hat sich gut bewährt: Der Schub muss durch konsequente Verabreichung abgefangen werden. Grundsätzlich ist der konsequenten Behandlung im Schub der Vorzug zu geben gebenüber einer Steroid-Langzeit- oder gar Dauertherapie in nicht optimal angepasster Konzentration. Das Beachten der besonderen Risikoareale (Gesicht, Hals/Genitale und große Beugen) und der Einsatz der "richtigen" Kortisonpräparate (vierte Generation!) lässt die Kortison-Angst heute unberechtigt erscheinen.


Antihistaminika:
Juckreiz ist das lästige Symptom, das jeden Neurodermitis-Patienten quält - und dies insbesondere nachts. Die Schlafruhe ist gestört, der Stress groß, die Kratzspuren entzünden sich und der nächste Neurodermitisschub damit vorhersehbar. Insbesondere der Einsatz so genannter alter Antihistaminika, die als Nebenwirkung auch müde machen, ist hier sehr berechtigt, da anderweitige Nebenwirkungen bei abendlicher Gabe nicht zu befürchten sind.

Antibiotika: Hautinfektionen mit Bakterien lösen nicht nur sichtbare Veränderungen wie Eiterbläschen usw. aus, sondern können auch zu einer Stimulation des Ekzems durch die Abgabe von Giftprodukten führen. Eine konsequente Bekämpfung dieser Hautinfekte ist deshalb sinnvoll und erforderlich. Bakterien-Reservoirs in der Nase und dem äußeren Gehörgang sollten regelmäßig saniert werden. Die innerliche Behandlung mit Antibiotika und die äußerliche Sanierung mit desinfizierenden Substanzen hat heute einen festen Stellenwert bei der Behandlung der Neurodermitis.

Immunsuppressiva wie etwa Cyclosporin A und Azathioprin haben sich bei der Behandlung der Neurodermitis in groß angelegten Studien sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen grundsätzlich bewährt: die Wirkung ist gut, die Nebenwirkungsrate bei korrekter Überwachung meist gering. Dennoch ist bekannt, dass diese Präparate nur so lange wirken, so lange sie auch gegeben werden. Und dies ist auf Dauer unzulässig. So sollte Cyclosporin bei Erwachsenen - unter strenger Kontrolle und Einhaltung aller Sicherheitsvorkehrungen - höchstens ein Jahr, bei Kindern maximal sechs Monate verabreicht werden. Der Stellenwert von so genannten Immunsuppressiva muss deshalb heute sehr kritisch betrachtet werden.

Immunmodulatoren: Im vergangenen Jahrzehnt wurden aus Pilzprodukten mehrere so genannte Immunmodulatoren entwickelt, die sich einerseits als hervorragend wirksam, andererseits als äußerst arm an Nebenwirkungen erwiesen haben. Zwei dieser Produkte sind in Europa auf dem Markt; in Kurzzeitstudien haben sich diese in der Schubbekämpfung als gut wirksam erwiesen.

Die weitgehende Freiheit von Nebenwirkungen lässt im Vergleich zu Kortison-Präparaten auch einen großzügigeren Einsatz zu: Der Schub kann vollständig ausbehandelt werden, dem nächsten Schub darf man schon bei den ersten Krankheitszeichen begegnen; auf diese Weise können viele Schübe auch verhindert werden. Nicht uneingeschränkt einsetzbar sind diese Produkte, weil sie bei Schwangeren und Kleinkindern derzeit keine Zulassung haben (fehlende Studien). Das Langzeit-Risiko ist noch nicht ausreichend untersucht, allerdings sind gravierende Nebenwirkungen kaum zu erwarten.

 

Adjuvante Therapiemaßnahmen

Bestrahlungen mit UV-Licht unter ärztlicher Kontrolle (nicht im Sonnenstudio oder mit Hilfe der eigenen Sonnenbank!) haben ebenso positive Effekte wie Aufenthalte am Meer oder im Hochgebirge. Die Erfolge können denen einer Klimatherapie gleichgesetzt werden. Die Dosierung muss allerdings vom Experten übernommen werden, nicht alle Patienten vertragen die Behandlung gleich gut. Dies gilt wiederum auch für die Klimatherapie: Intensive Sonne halten viele Neurodermitis-Patienten nicht gut aus. Schwitzen wird nicht nur als lästig, sondern oft als brennender Schmerz empfunden.

 

Überholte bzw. nicht ausreichend überprüfte Therapiemaßnahmen

Teerpräparate waren in der Vor-Kortisonzeit die einzigen aktiven Wirkstoffe. Ihr Einsatz ist heute überholt, weil sie einerseits kosmetisch kaum akzeptabel und nicht besonders gut wirksam sind und andererseits im Ruf stehen, in Kombination mit UV-Bestrahlung Krebs auslösend zu sein.

Gamma-Linolensäure (Nachtkerzenöl) sowie essenzielle Fettsäuren der N-3-Serie (z.B. in Meeresfischölen) haben in ersten Studien sehr gute Wirksamkeit bei der Verbesserung der Barrierefunktion der Haut gezeigt. Ein therapeutischer Erfolg ist durch Doppelblindstudien bis dato aber nicht bewiesen. Einzelne kontrollierte Studien lassen berechtigte Zweifel am Erfolg zu.

Johanniskraut: Johanniskraut wird schon lange erfolgreich zur Behandlung von Depressionen eingesetzt. Wissenschafter haben mittlerweile aber auch die antibakteriellen und entzündungshemmenden Eigenschaften des Stimmungsaufhellers für die Hautpflege wiederentdeckt und konnten nahe legen, dass der Johanniskraut-Wirkstoff Hyperforin Staphylokokken in Schach hält. Diese Bakterien gedeihen auf der spröden Haut von Neurodermitikern besonders gut und führen zu unangenehmen Infektionen.

In einer Pilotstudie der deutschen Universität Freiburg verbesserte die regelmäßige Körperpflege auf Johanniskraut-Basis den Hautzustand der Testpersonen erheblich. Um die Wirksamkeit dieses Ansatzes in der Neurodermitis-Therapie wissenschaftlich zu untermauern, sind allerdings noch weitere Studien mit mehr Patienten notwendig, welche die Wirkung beispielsweise mit jener von Kortison vergleichen.

 

Alternativmedizinische Maßnahmen

Die Neurodermitis ist in vielen Fällen eine chronische Erkrankung, die den Betroffenen über Jahre und Jahrzehnte quälen kann, viele Patienten sind verzweifelt. Aus gut verständlichen Gründen wird deshalb nicht selten nach Therapiealternativen gesucht. Zahllose Maßnahmen werden angeboten.

Traditionelle Chinesische Medizin, Akupunktur, Akupressur und Shiatsu, Ayurveda sowie Yoga und Meditation werden von Ärzten und Heilberufen zur Behandlung der Neurodermitis propagiert: Während von Maßnahmen wie Yoga und Meditation eine verbesserte Stressbewältigung und damit ein besserer Umgang mit der Krankheit erwartet werden darf, sind andere Therapieformen von eher fraglichem Nutzen.

Therapien mit Chinesischen Kräutern, insbesondere in Teeform, haben zu verblüffend guten Ergebnissen geführt. Viele dieser Produkte enthalten jedoch auch kortisonähnliche Wirksubstanzen und sind deshalb nicht ganz unproblematisch. Vielfach ist der Umgang mit diesen "Heilkräutern" aber auch gefährlich; zahlreiche Berichte, selbst über Todesfälle, zeigen dies auf.

Unkonventionelle Verfahren wie anthroposophische Medizin, Homöopathie, Homotoxikologie, Bachblütentherapie, Aromatherapie, Enzymtherapie, Eigenbluttherapie, Ozontherapie, Magnetfeldtherapie, Mora- und Multicomtherapie werden zur Behandlung der Neurodermitis propagiert. Erfolge sind damit im besten Falle nur sehr vorübergehend zu erzielen, sie entsprechen üblicherweise einer Placebo-Therapie und stellen somit Scheinerfolge dar. Oft sind sie mit hohen Kosten verbunden, gelegentlich sind sie auch gefährlich.

Bio- und Multiresonanztherapie: Diese Maßnahmen, die insbesondere zur Therapie, aber auch zur Diagnostik von Nahrungsmittelunverträglichkeiten und anderen Allergien bei Neurodermitis eingesetzt werden, haben sich als Humbug erwiesen. Es stehen keine kontrollierten Studien zur Verfügung. Die Methodik bringt keinen Nutzen, aber potenziellen Schaden. Die Kosten sind teilweise hoch.

Autor: Prof. Dr. Werner Aberer

Letzte Aktualisierung: Februar 2005