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Rauchen bei Kindern und Jugendlichen
In Europa liegt das Einstiegsalter bei Nikotinkonsum zwischen dem zehnten und 14. Lebensjahr. Im Rahmen einer 2005 abgeschlossenen dreijährigen Studie mit Salzburger Kindern und Jugendlichen gaben 3,5 Prozent der Elfjährigen an, in den letzten 30 Tagen eine Zigarette geraucht zu haben. Bis zum 14. Lebensjahr stieg diese Zahl auf 26 Prozent an.
In einer anderen Untersuchung, die in Österreich durchgeführt wurde, konnte gezeigt werden, dass 42 Prozent aller 15-Jährigen bereits mehr als 40 Zigaretten geraucht haben. 13 Prozent der 15-jährigen Knaben und 14 Prozent der 15-jährigen Mädchen rauchen täglich mindestens eine Zigarette.
Warum rauchen Kinder und Jugendliche?
Jugendliche beginnen nicht zu rauchen, weil sie dabei Genuss verspüren, sondern weil es "cool" ist. Ein hoher Prozentsatz der Heranwachsenden probiert zumindest einmal in dieser Lebensphase eine Zigarette. Dieses Probierverhalten wird meist im Freundeskreis an den Tag gelegt. Die Mehrheit verbindet damit keine weiteren positiven Effekte, im Gegenteil: Die erste Zigarette schmeckt meist überhaupt nicht, und Husten, Benommenheit sowie Übelkeit sind die Begleitumstände. Ganz entscheidend für das weitere (Nicht)-Raucherverhalten in dieser Phase ist die kognitive und emotionale Verarbeitung der ersten Zigaretten.
In der Stufenfolge des Tabakkonsums folgt nach dieser Probierphase die Experimentierphase: Jugendliche rauchen zwar wiederholt, aber unregelmäßig. Ein wichtiger Einflussfaktor dabei ist das Verhalten von Gleichaltrigen und die Verfügbarkeit von Tabak-Produkten im sozialen Umfeld (Schule, Familie, Freizeitangebot). In der nächsten Stufe wird Zigarettenkonsum zu einem regelmäßigen Verhalten. Gleichzeitig beginnt die wichtigste Komponente - die psychische und physische Abhängigkeit von Nikotin - zu wirken, und damit ist die endgültige Bindung an die Zigarette vollzogen. Viele Jugendliche werden bereits nach wenigen Monaten von der Zigarette abhängig und entwickeln ein echtes Suchtverhalten.
Was sind die wichtigsten Einflussfaktoren auf das (Nicht)-Raucherverhalten?
In den letzten Jahren ist es gelungen, eine Reihe von Einflussfaktoren auf das Raucherverhalten zu erfassen:
- Unter den sozialen Faktoren spielen das (Nicht)-Rauchverhalten der Eltern, Geschwister und Freunde, die Integration im schulischen Bereich und das Freizeitverhalten eine wichtige Rolle.
- Personale Faktoren sind geringes Wissen über kurz- und längerfristige Auswirkung des Tabakkonsums, Überschätzung der Verbreitung des Zigarettenkonsums und geringes Vermögen, dem Gruppendruck zum Rauchen zu widerstehen.
- Unter den umweltbezogenen Faktoren sind leichte Zugänglichkeit, aggressive Werbung, niedriger Zigarettenpreis sowie geringe Einschränkungen und Regeln im familiären, schulischen und Freizeitbereich hervorzuheben.
- Als Schutzfaktoren wirken die soziale Integration in der Schule, eine verantwortliche Position in der Gruppe (z.B. Schulsprecher oder Herausgeber einer Schülerzeitschrift) sowie regelmäßiger Sport und geringer Alkoholkonsum.
Wie kann man Kinder und Jugendliche unterstützen?
Der erhobene Zeigefinger und die Androhung von Krankheiten lassen die Kinder völlig kalt - dass man einmal Krebs oder Herzinfarkt bekommen könnte, ist in diesem Alter "zu weit weg". Wesentliche Schwächen aller bisherigen Versuche und Projekte, Kinder und Jugendliche vom Rauchen abzuhalten, waren der späte Beginn der Intervention, eine zu kurze Begleitung der Jugendlichen sowie zu wenig Motivation und Emotionalität.
Beispiel aus der Praxis: Ich brauch´s nicht - ich rauch nicht
In unserem Anti-Rauchprojekt "Ich brauch´s nicht - ich rauch nicht in Salzburg" haben wir 3.000 Jugendliche zwischen elf und 14 Jahren über drei Jahre begleitet:
1. Jahr
Im ersten Jahr stand die Frage "Aus welchem Grund beginnt man eigentlich zu rauchen?" im Mittelpunkt. Die Jugendlichen wurden über alle relevanten Aspekte des Rauchens in Form von Gruppen- und Internetarbeit aufgeklärt. Die Nichtraucher-Kompetenz, das Selbstbewusstsein und die Eigenverantwortlichkeit wurden im Rahmen von Rollenspielen gestärkt. Mit viel Engagement und sehr nützlichen Tipps haben die Jugendlichen Nicht-Raucher-Patenschaften für aufhörwillige Raucher übernommen.
2. Jahr
Das zweite Projektjahr beschäftigte sich mit dem Thema unter gruppendynamischen Aspekten. Mitschüler (sog. Peers) wurden als Verhaltensmodelle eingesetzt. Ein von diesen Peers gedrehtes Video wurde mit den Schülern interaktiv bearbeitet. Hauptinhalte dieses Videos waren Szenen über "Verführungssituationen" und Vermittlung von handlungsrelevanten Strategien. Das Einbinden attraktiver Nichtraucher als Verhaltensmodelle erwies sich als Verstärkereffekt. Durch persönliche Nichtraucherverträge mit den Schülern sowie Preise und Wettbewerbe wurden Anreize für das Nichtrauchen geschaffen.
3. Jahr
Um primär-präventive Aktionen, also Maßnahmen zur Vermeidung der ersten Zigarette, effektiver zu gestalten, ist es sinnvoll, nicht nur das Verhalten des Einzelnen zu verändern, sondern auch die Verhältnisse in der Schule, in der Freizeit sowie in der Familie mit einzubeziehen. Daher standen im dritten Jahr Verbesserungen der strukturellen Bedingungen an den Schulen im Vordergrund - mit dem Ziel, rauchfreie Schulen zu schaffen. Im Rahmen eines Wettbewerbes erarbeiteten die Jugendlichen Ideen, wie solche rauchfreien Schulen ausschauen könnten. Die besten Ideen wurden prämiert.
Eine Eingliederung der Lehrer sowie der Eltern war uns während des gesamten Projektes wichtig. Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe konnten wir die "Raucheinstiegsquote" um 23 Prozent reduzieren. Die Jugendlichen haben gelernt, Verantwortung für ihre Gesundheit zu übernehmen.
Ein vollkommenes Verhindern des Rauchbeginns wird durch keine Maßnahme möglich sein. Einem Teil der Jugendlichen kann man jedoch durch gezielte Unterstützung helfen, nicht mit dem Rauchen zu beginnen.
Auf die Frage, welche Maßnahmen die stärkste Wirkung gegen das Rauchen haben könnten, gaben die Jugendlichen folgende Antworten:
- Hohe Zigarettenpreise
- Rauchverbot in den Schulen, in Lokalen und an Haltestellen
- Rauchverbot für Lehrer
- Werbeverbot für Zigaretten in allen Medien
Daraus erkennt man, dass die Jugendlichen selbst sehr ähnliche Strategien wählen wie verschiedenste Maßnahmen und Projekte, die zurzeit von Ärzten, Gesundheitsexperten und auch verantwortungsvollen Politikern vorgeschlagen werden.
Faktum ist, dass nach dem 18. Lebensjahr nur mehr wenige Menschen mit dem Rauchen beginnen. Wenn es daher gelänge, bis zum Abschluss der Schulzeit bzw. in den Lehrlingsausbildungsgängen die Nichtraucherquote anzuheben, so hätte dies in den meisten Fällen lebenslange positive Auswirkungen.
Was tun, wenn Kinder oder Jugendliche bereits rauchen?
Vor kurzem ist eine Analyse aller bisher veröffentlichten Projekte zum Rauchstopp bei Kindern und Jugendlichen veröffentlicht worden (Cochrane-Metaanalyse). Einige der verwendeten Modelle setzten das transtheoretische Modell ein, gingen also auf verschiedene Stadien der Aufhörbereitschaft ein. Andere Projekte verwendeten pharmakologische Hilfen (Nikotinersatz und Bupropion) oder psycho-soziale Interventionen (z.B. Motivationsverstärker und verhaltenstherapeutische Maßnahmen).
Am erfolgreichsten waren laut dieser evidenzbasierten Analyse Projekte, die komplexe Ansätze wählten, insbesondere aber jene, die auch das Stadium der Aufhörbereitschaft berücksichtigen. Für den Einsatz von Nikotinersatz und Bupropion konnte bei rauchaufhörwilligen Jugendlichen kein wirklich anhaltender Nutzen gefunden werden. Ein geringer Effekt konnte bei den Modellen mit kognitiver Verhaltenstherapie erreicht werden.
In Zukunft gilt es noch mehr und altersgerechtere "Rauchaufhörszenarien" zu entwickeln und den Jugendlichen mit sehr individuellen und interaktiven Beratungsstrategien zu helfen, wieder von der Zigarette loszukommen.
Da die Aufhörraten bei Jugendlichen jedoch sehr gering sind, muss unser Ziel die Verhinderung des Einstiegs sein.
Autor: Prim. Univ. Prof. Dr. Josef Riedler, Facharzt für Kinderheilkunde
Leiter des Arbeitskreises "Pädiatrische Pneumologie" der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie
Quellen:
Grimshaw GM: Tobacco cessation interventions for young people. In: The Cochrane Database of Systematic Reviews (4) 2006.
www.kissme-smokefree.eu
Riedler J: Raucherprävention. In: Der Salzburger Arzt (11) 2005.
Letzte Aktualisierung: Dezember 2006
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