KRANKHEITEN
Demenz
Unter dem Begriff Demenz versteht man den kontinuierlichen Abbau der geistigen Leistungsfähigkeit, vor allem von Gedächtnisleistung und Denkvermögen.
Die Medizin kennt mehrere Formen der Demenz, denen verschiedene krankhafte Prozesse zugrunde liegen können.
Patienten-Info
Zwischen acht und 13 Prozent aller Menschen über 65 Jahren leiden an einer Demenz. Bei den über 90-Jährigen sind es sogar 40 Prozent. Die Autoren der europäischen Demenzleitlinien* gehen davon aus, dass in Europa zumindest fünf Millionen Menschen unter einer Demenz leiden. Vermutlich werden diese Zahlen weiter steigen, weil der Anteil alter Menschen an der Gesamtbevölkerung zunimmt. Schon heute sind Demenzen der häufigste Grund für Einweisungen in ein Pflegeheim.
Welche Ursachen haben Demenzen?
Prinzipiell können viele Veränderungen im Gehirn das Bild einer Demenz hervorrufen. Demenz ist daher ein Überbegriff für eine Reihe von Erkrankungen, die eine ursprünglich normale geistige Leistungsfähigkeit anhaltend abbauen.
Alzheimer-Demenz
Als häufigste Ursache wird heute die Alzheimer-Krankheit angesehen. Sie wurde 1906 von dem deutschen Neuropsychiater und Neuropathologen Alois Alzheimer beschrieben und später nach ihm benannt. Bei der Alzheimer-Krankheit wird die Funktion der Nervenzellen durch krankhafte Eiweiße (Beta-Amyloid, Tau-Protein) gehemmt. Dies führt in den Hirnregionen, die für die Merkfähigkeit verantwortlich sind, zu einem Mangel an dem aktivierenden Botenstoff Acetylcholin.
Gestörte Durchblutung
Auch Durchblutungsstörungen führen zu Veränderungen der Hirnsubstanz und -funktion. Bei dieser vaskulären, also gefäßbedingten Demenz verschlechtern sich einzelne Gehirnleistungen oft schlagartig und es treten Zeichen eines Schlaganfalls auf (z.B. Sprachstörungen). In manchen Fällen verschlechtert sich die Hirnleistung auch langsam.
Andere Ursachen
Ähnlich wie bei der Alzheimer-Krankheit gibt es weitere Abbauprozesse im Gehirn, die mit dem Bild einer Demenz einhergehen: Ein Beispiel dafür ist die sogenannte Lewy-Körperchen-Demenz oder Lewy-Body-Demenz. Nach der vaskulären Demenz gilt sie inzwischen als die dritthäufigste Form der Erkrankung.
Stoffwechselstörungen (z.B. Vitamin-B12-Mangel; Schilddrüsenerkrankungen), chronische Vergiftungen (Alkoholismus), raumfordernde Prozesse im Gehirn (Gehirntumore) sowie Infektionen des Gehirns (z.B. Aids, Creutzfeldt-Jakob-Erkrankung) können ebenfalls zu einer Demenz führen. Lässt sich eine solche Ursache ausmachen, ist die Demenz häufig behandelbar.
In vielen Fällen sind mehrere Ursachen gemeinsam an der Entstehung einer Demenz beteiligt. So führen Volkskrankheiten wie erhöhter Blutdruck (Hypertonie) oder Diabetes mellitus zu einer Verschlechterung einer bestehenden Demenz bzw. rufen diese durch Hirngefäßschädigungen mit hervor.
Welche Symptome treten auf?
Als erstes Symptom ist eine Verschlechterung des Kurzzeitgedächtnisses zu beobachten. Konzentrationsfähigkeit und Denkleistung lassen nach, es treten Sprachstörungen auf und die Müdigkeit nimmt zu. Betroffene haben Schwierigkeiten, neue gedankliche Inhalte aufzunehmen und wiederzugeben. Beeinträchtigt werden auch die Orientierung und die Urteilsfähigkeit. In der Anfangsphase zeigen sich häufig Symptome einer Depression, vor allem, wenn der oder die Erkrankte die Abbauerscheinungen an sich bemerkt. Typisch für viele Demenzformen ist allerdings, dass Betroffene diese Veränderungen nicht registrieren.
Später kann es auch zu Halluzinationen kommen: Die Erkrankten sehen Dinge, die in der Wirklichkeit nicht existieren. Mancher raucht etwa eine nicht vorhandene Zigarette oder sieht kleine, undefinierbare Tierchen auf dem Teppich. Später fällt es den Demenzkranken schwer, Dinge und Personen wiederzuerkennen. Alltagsfähigkeiten wie Waschen, Ankleiden, Essenszubereitung oder Einkaufen gelingen nur eingeschränkt und im weiteren Verlauf der Erkrankung oft gar nicht mehr. Auch Teile der Persönlichkeit gehen verloren: Die Betroffenen können aggressiv oder enthemmt, depressiv oder in ihrer Stimmung sprunghaft werden. Für Angehörige und Pfleger ist dies oft mit erheblichen psychischen Belastungen verbunden.
Im Endstadium verstummen die Patienten oft, sind bettlägerig und gänzlich auf die Hilfe anderer angewiesen.
Es gibt typische Anzeichen einer Demenz. Diese können, müssen aber nicht alle zur gleichen Zeit auftreten:
- Vergesslichkeit
- unpräzises Denken, Konzentrationsstörungen
- Schwierigkeiten beim Planen komplexerer Abläufe (Packen für einen längeren Urlaub, Organisieren eines Familienfestes)
- Orientierungslosigkeit
- Sprachstörungen
- eingeschränktes Urteilsvermögen
- Persönlichkeitsveränderungen
- Antriebsverlust
Keines dieser Symptome tritt aber ausschließlich im Rahmen einer Demenz auf. Sie können gleichfalls ein Hinweis auf seelische Erkrankungen oder andere Gehirnerkrankungen sein.
Wie wird eine Diagnose gestellt?
Um die Ursachen und den Ausprägungsgrad einer Demenz zu bestimmen, sind Neurologen, Psychiater oder Geriater (Spezialisten für Altersheilkunde) die richtigen Fachleute. Sogenannte Gedächtnisambulanzen oder Memory-Kliniken haben sich auf die Diagnostik und Beratung bei Demenzen spezialisiert. Der Vorteil: Sie vereinen alle wichtigen Untersuchungsmethoden unter einem Dach, was den Diagnoseprozess vereinfacht und beschleunigt.
Befragung von Patienten und Angehörigen
Der Arzt befragt zunächst den Patienten und die Angehörigen nach der Krankheitsgeschichte (Anamnese). Angehörige sind für die Diagnosestellung der Demenz auch aus Sicht der europäischen EFNS-Leitlinien* sehr wichtig, weil die meisten Betroffenen die Symptome zum Teil selbst nicht wahrnehmen oder aus Scham verschweigen. Nach einer ausführlichen körperlichen Untersuchung entscheidet der Arzt oder die Ärztin, welche zusätzlichen Untersuchungen notwendig sind.
Neuropsychologische Tests
Zuerst gilt es, eine Demenz von leichten Formen einer Vergesslichkeit abzugrenzen. Hierzu werden neuropsychologische Tests eingesetzt, beispielsweise der Syndrom-Kurz-Test (SKT) für leichtere oder der Mini-Mental-Status-Test (MMST) für etwas schwerere Fälle. Anhand dieser Tests versuchen Mediziner, den Schweregrad von Vergesslichkeit und anderen Hirnfunktionsstörungen zu beurteilen.
Abzugrenzen sind in jedem Fall Depressionen, die zwar gleichfalls mit Gedächtnisstörungen einhergehen können, aber keine Form der Demenz darstellen. Im weiteren Verlauf müssen organische, psychische und Gefäßerkrankungen sowie andere Ursachen einer Demenz ausgeschlossen werden.
Bildgebende Verfahren
Im Verdachtsfall machen bildgebende Verfahren wie die Computertomographie (CT) oder - noch besser - eine Kernspintomographie (MRT) Veränderungen der Gehirnstruktur sichtbar. Die Single-Photonen-Emissions-Tomographie (SPECT) und die Positronen-Emissions-Tomographie (PET) können Funktionseinbußen in bestimmten Hirnregionen darstellen. Sie sind aber ausgesprochen kostspielig und werden nach Empfehlung der EFNS* nur zusätzlich im Rahmen wissenschaftlicher Studien oder zur Diagnosefindung in völlig unklaren Fällen eingesetzt.
Untersuchungen von Gefäßen und Gehirnströmen
Blutuntersuchungen können behandelbare Stoffwechselstörungen und Vergiftungen aufdecken. Ist eine chronische Gehirnentzündung zu befürchten, wird über eine Lumbalpunktion Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit (Liquor) entnommen und im Labor auf Entzündungszeichen untersucht. Bei der Alzheimer-Erkrankung und der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit lassen sich im Liquor darüber hinaus ganz spezielle Eiweiße finden, die einen deutlichen Hinweis auf die zugrundeliegende Erkrankung bringen können.
Mithilfe der Doppler- und Duplexsonographie der hirnversorgenden Blutgefäße lässt sich der Grad der Gefäßverkalkung (Atherosklerose) beurteilen. Dieser gibt Auskunft über die Wahrscheinlichkeit einer vaskulären Demenz.
Die Untersuchung der Gehirnströme im Elektro-Enzephalogramm (EEG) kann zwar nur in Ausnahmefällen Hinweise auf die Ursache des geistigen Abbaus geben, allerdings hilft sie bei der Einschätzung des Ausmaßes der Hirnfunktionsveränderungen.
Nur in seltenen, unklaren Ausnahmefällen ist eine Gewebeprobe aus dem Gehirn erforderlich. Diese sollte nach EFNS-Empfehlung* allerdings ausschließlich in spezialisierten Zentren von erfahrenen Medizinern durchgeführt werden.
Welche Möglichkeiten der Therapie gibt es?
Für die Mehrzahl der Demenzkranken ist derzeit zwar keine Heilung möglich, der Abbau lässt sich allerdings aufhalten - so etwa bei der Alzheimer- oder der vaskulären Demenz. Ist die reduzierte geistige Leistungsfähigkeit die Folge einer anderen Erkrankung (z.B. Hirntumor, schwere Depression, Störung des Hirnstoffwechsels), lässt sich die Demenz meist erfolgreich behandeln, indem man die Grunderkrankung therapiert.
Hirnleistungstraining
Ziel der Demenztherapie sollte sein, dass Betroffene ihren Alltag möglichst lange selbstständig bewältigen können. Spezialisierte Einrichtungen (z.B. Tageskliniken) setzen hierfür ein besonderes Hirnleistungstraining ein. Derart soll eine feste Tagesstruktur aufgebaut werden, die den Demenz-Kranken hilft, sich besser zu orientieren. Psychologen, Sozialarbeiter und andere Fachleute begleiten die dementen Patienten durch den Tag und üben mit ihnen das Zurechtkommen im alltäglichen Leben.
Ein Vorteil solcher Einrichtungen ist es, dass die Angehörigen in die Behandlung einbezogen werden können. Krankengymnastik sowie das Training handwerklicher und künstlerischer Fähigkeiten tragen dazu bei, dass die geistige Leistungsfähigkeit langsamer nachlässt oder sogar für eine gewisse Zeit erhalten bleibt.
Medikamentöse Behandlung
Mit Medikamenten lässt sich mittlerweile einiges erreichen. Sie sollten aber Baustein eines umfassenden Therapiekonzeptes sein, also gemeinsam mit einem Hirnleistungstraining eingesetzt werden. Je nach zugrundeliegender Ursache des dementiellen Prozesses werden unterschiedliche Wirkstoffgruppen eingesetzt.
Ziel ist es, das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen oder vorübergehend zum Stillstand zu bringen. Die Substanzen wirken individuell sehr unterschiedlich. Ein Behandlungsversuch lohnt sich auf jeden Fall, auch wenn er vielleicht nicht zu deutlichen Veränderungen führt. Da eine Demenz laufend fortschreitet, ist es bereits ein Behandlungserfolg, wenn sie sich nicht verschlechtert.
- Acetylcholinesterase-Hemmer: Die vielversprechendsten Medikamente in frühen und mittleren Stadien von Alzheimer-Krankheit, vaskulärer Demenz und Lewy-Körperchen-Demenz sind nach den EFNS-Leitlinien* die sogenannten Acetylcholinesterase-Hemmer. Diese Präparate verbessern den Signalaustausch zwischen den Nervenzellen. Sie erhöhen die Verfügbarkeit des Botenstoffs Acetylcholin, indem sie das Enzym Acetylcholinesterase blockieren (das im normalen Gehirnstoffwechsel Acetylcholin abbaut). Wissenschafter haben nachgewiesen, dass sich das Voranschreiten der Erkrankung durch Einsatz dieser Medikamente um durchschnittlich ein Jahr verzögern lässt.
- NMDA-Antagonisten: Bei einer mittelschweren bis schweren Alzheimer-Demenz zeigen NMDA-Antagonisten wie Memantin gute Erfolge. Sie lassen sich auch mit Acetylcholinesterase-Hemmern kombinieren und verhindern die Nervenüberreizung durch den Botenstoff Glutamat. Ein Zuviel dieses Botenstoffes schädigt einigen Untersuchungen zufolge die Nervenzellen und lässt sie zugrunde gehen. Nach Einschätzung der EFNS* ist eine ausreichende Beurteilung der Wirksamkeit von Memantin bei vaskulären Demenzen oder Lewy-Körperchen-Demenzen derzeit nicht möglich.
- Andere Mittel: Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Medikamenten, die sich nach Meinung einiger Experten positiv auf die Gehirnleistung auswirken sollen. Dazu gehören etwa die Extrakte des Ginkgo-Baumes, die durchblutungsfördernd wirken und das Gehirn besser mit Sauerstoff und Glucose versorgen sollen. Kalzium-Antagonisten sollen den gestörten Kalzium-Stoffwechsel der Nervenzellen normalisieren und die Weiterleitung von Informationen verbessern. Die Wirkstoffe werden aber allesamt nicht von den EFNS-Leitlinien* empfohlen, weil die wissenschaftliche Beweislage hierfür noch nicht ausreicht.
In manchen Fällen sind zusätzlich Medikamente gegen Unruhe und Schlafstörungen, parkinsonähnliche Bewegungsstörungen oder Depressionen notwendig, um die Begleitsymptome der Demenz zu bekämpfen. Allerdings muss man die Wirkung dieser Medikamente genau beobachten. Bei manchen Demenzformen können Medikamente gegen innere Unruhe diese sogar verstärken bzw. schwere Nebenwirkungen hervorrufen.
Kontrolluntersuchungen
Bei jeder medikamentösen Behandlung einer Demenz sollten regelmäßige Termine zur Nachuntersuchung vereinbart werden. Sie bieten den behandelnden Medizinerinnen und Medizinern die Möglichkeit, den Krankheitsverlauf mitzuverfolgen, pflegende Angehörige zu unterstützen und gegebenenfalls die Therapie an die veränderte Situation anzupassen.
Worauf sollten Angehörige achten?
- Alzheimer-Kranke sollten eine ausgewogene, vitamin- und fischölreiche Ernährung mit reichlich Flüssigkeit erhalten.
- Erleichtern Sie Demenz-Patienten die Orientierung durch einen gut strukturierten Tagesablauf.
- Die Pflege erfolgt größtenteils durch Familienangehörige. Auch im Interesse des Kranken sollten sich Angehörige dabei nicht überfordern. Nutzen Sie ergänzende und alternative Angebote von Sozial- und Betreuungseinrichtungen.
- Erkundigen Sie sich nach einer Selbsthilfe- oder Angehörigengruppe in Ihrer Nähe und lernen Sie aus den Erfahrungen anderer.
- Fragen Sie Arzt oder Ärztin nach hilfreichem Informationsmaterial mit entsprechenden Hinweisen.
Kann man Demenzerkrankungen vorbeugen?
Durch eine gesunde Lebensweise mit viel Ausdauersport und einer ausgewogenen Ernährung lässt sich manchen Demenzformen vorbeugen (z.B. vaskuläre und alkoholbedingte Demenz). Dagegen lässt sich eine Alzheimer-Demenz derzeit noch nicht verhindern. Forscher arbeiten aber daran, Medikamente zur Immunisierung gegen die krankmachenden Eiweiße zu entwickeln. Sie sollen die Reaktion des Immunsystems gegenüber den Eiweißen verändern und diese so für den Körper unschädlich machen. Bis zu einem möglichen Einsatz dieser Medikamente werden aber vermutlich noch Jahre vergehen.
Die vorbeugende Wirkung von Cholesterin-Synthese-Hemmern (CSE-Hemmer oder Statine) bei Demenzen wird derzeit untersucht. Der Hintergrund ist, dass bei den meisten Demenzformen unter anderem ein chronischer Entzündungsprozess im Gehirngewebe eine Rolle spielt und bestimmte cholesterinsenkende Medikamente auch eine entzündungshemmende Wirkung haben.
Prognose
Die Heilung einer Demenz ist meist nicht möglich. Mithilfe einer Kombination aus Medikamenten und speziellem Hirnleistungstraining lässt sich das Fortschreiten der Erkrankung allerdings oft bremsen. Liegt die Ursache der Demenz in einem schweren Abbauprozess des Gehirns, versterben die Erkrankten im Durchschnitt zehn Jahre nach der Diagnosestellung.
Demenzformen, die Folge einer behandelbaren Grunderkrankung sind, zeigen vielfach einen günstigeren Verlauf. Ist beispielsweise eine schwere Schilddrüsenunterfunktion die Ursache, bessert sich nach und nach auch die geistige Leistungsfähigkeit, wenn die Schilddrüse wieder ausreichend funktioniert oder Schilddrüsenhormone in Tablettenform gegeben werden.
Autor: Dr. med. Alexander Reinshagen, Facharzt für Neurologie (www.netdoktor.de) |
Quellen:
* European Federation of Neurological Societies (EFNS): Waldemar G. et al: Diagnosis and management of Alzheimer's disease and other disorders associated with dementia. EFNS guideline (European Journal of Neurology 2007, 14: 1-26); Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde; Brandt, Dichgans, Diener: Therapie und Verlauf neurologischer Erkrankungen, 4. Aufl. 2003.


